Arbeit mit Sinn – Ergibt das überhaupt einen Sinn?

Natürlich wollen wir sinnvoll arbeiten, das ist mein Motto. Dass aber ausgerechnet die Erwerbsarbeit, so wie sie heute funktioniert,  diesen Sinn stiften soll, halte ich für eine fragwürdige Vorstellung. Warum, das erfahren Sie hier und auch welcehn Ausweg es geben könnte.

Photo: Charlie Chaplin, Modern Times, Szenenfoto (lizenzfrei)

Wenn man sich die aktuell dargeboten Stellenanzeigen im Netz und anderswo anschaut, dann wird einem dauernd suggeriert, dass Arbeitsplätze einzig dazu da sind, den beteiligen Menschen eine Wohlfühloase zu bieten, mit viel Sinn, Spaß, Selbstverantwortung, Herausforderungen, einem total netten Kollegenkreis und tollen Chefinnen und Chefs, es gibt immer frisches Obst, Bürokaffee und natürlich einen gutmütigen Büroköter.

Ja, es gibt es sowas, vor allem in Berliner Startups. Aber das Gerede von New Work ist Marketing- Bullshit: Für die allermeisen unter uns ist der Job zuallererst dazu da um Geld zu verdienen und erst danach kommen Status, Selbstwertgefühl und Gemeinschaft.

Die Maloche macht keinen Sinn

Arbeit soll sinnvoll sein. Aber die Realität ist: Arbeit ist Maloche und bleibt es , egal wie man es dreht und wendet. Arbeit ist in unserer Gesellschaft fremdbestimmt, man muss arbeiten, um Miete Strom, Urlaub und all den anderen Kram bezahlen zu können. Und wer einem aufträgt, was zu tun ist, der hat auch die  Macht zu bestimmen, was Sinn ergibt und was nicht. Wer von der fremdbestimmten Arbeit Sinn erwartet, der wird belogen und belügt sich selbst.  Der Sinn, welcher der Arbeit zugemessen wird, kommt auch heute immer von oben, denn bei der Erwerbarbeit bestimmt letztlich der Boss, was sinnvoll ist. Und ob der Boss der Staat, ein Privatunternehmer oder eine Community ist, ändert nichts an dieser Situation.

Die meisten Menschen scheinen das auch zu verstehen. Die Firma Gallup untersucht seit 2001 die Bindung der Beschäftigten an ihr Unternehmen, und seit Jahren pendelt der Prozentwert der Arbeitnehmer, die angeben, eine innere Bindung an ihren Arbeitspatz und die Firma zu haben zwischen 14% und 17% . Das bedeutet nicht, dass die restlichen vier Fünftel der Beschäftigten  in ihrer Arbeit null Sinn sehen. Aber es bedeutet ziemlich sicher, daß sie in der Tatsache, daß sie verpflichtet sind, jeden Tag am Arbeitsplatz zu erscheinen und den ganzen Tag damit zu verbringen, den Anweisungen ihrer Vorgesetzten zu folgen, keinen tieferen Sinn zumessen als den, am Ende des Monats ein Gehalt zu bekommen.

Das nenne ich eine realistische Haltung. Es gibt zusätzlich zum finanziellen Primär-Motiv immer eine Vielzahl an zusätzlichen Motiven, nicht zu kündigen. Das kann zum Beispiel der Sozialkontakt zu Kunden, Kollegen, Gleichgesinnten sein, den man nicht missen möchte. Es kann die Möglichkeit sein, eigene Fähigkeiten unter Beweis zu stellen oder etwas hinzuzulernen. Es kann der soziale Status sein, der mit der Beschäftigung in einer bestimmten Firma, Branche oder einem bestimmten Beruf einhergeht. Und es kann auch sein, dass man Arbeitsort, oder verwendete Materialien, Stoffe und Werkzeuge als angenehm, nützlich und schön empfindet. Und es könnte auch schlicht der gewohnte Trott sein. dem man gerne folgen möchte. Und das alles sind ehrbare Motive, die ich nicht bewerten will.

Quiet Quitting statt Berufung

Aus den USA kommt der schöne Begriff  des “Quiet Quitting” zu uns, was ungefähr der bei uns gebräuchlichen “inneren Kündigung” entspricht.  Anders als bei uns ist in den USA erfolgt eine Kündigung meist recht hart und unmittelbar, es gibt keine langen Kündigungs- und Schonfristen, man packt einfach seine persönlichen Sachen und wird hinausbegleitet. Trotzdem gibt es immer  mehr und besonders junge, Menschen, die das Ziel  verfolgen, gerade nur noch so viel zu arbeiten, dass sie nicht gefeuert werden können. Sie gehen damit zwar das Risiko ein, trotzdem gefeuert zu werden, folgen aber trotzdem dieser Idee. Auch das muss man nicht moralisch bewerten, Arbeitgeber finden das bestimmt unanständig, ich selbst finde diese Haltung cool.

Aufopferungsvoll einer Berufung folgen, auf das Unternehmen schimpfen und trotzdem brav Höchstleistungen erbringen, das war alles gestern. Viele haben heute gelernt, cool mit den diversen Leistungsanforderungen umzugehen, und neu ist daran nichts. Bereits 1844 sagte Karl Marx , dass Arbeiter ihre Tätigkeit nicht bejahen, sondern verneinen. „Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.“  Das System der Arbeit und der Arbeitssuche funktioniert dem Prinzip nach immer noch so, wie Marx es damals analysierte.  Und als Erben der Industrialisierung folgen wir immer noch den Spuren der kapitalistischen Ökonomie, auch wenn sich diese sehr gewandelt hat, besser geworden ist, allen realsozialistischen Enttäuschungen, finanzpolitischen, menschlichen und  ökologischen Katastrophen zum Trotz.

Die Arbeitsmoral und das Gespenst der Nutzlosigkeit

Und hier kommt die Moral ins Spiel. Max Weber, der soziologische Klassiker, hat bereits vor hundert Jahren den logischen Zusammenhang zwischen Industrialisierung und protestantischer Ethik herausgearbeitet. Grob gesprochen hat er aufgezeigt, dass der Siegeszug des Kapitalismus in den westlichen Ländern damit begann, dass es den Predigern des Puritanismus in England gelang, Malochern wie auch Bossen einzureden, sie folgten einem göttlichen Plan, wenn sie als Malocher schufteten und als Boss den erwirtschafteten Reichtum nicht verprassten, sondern damit gleich wieder Maschinen anschafften, Fabriken hochzogen und Leute einstellten, um sie zu betreiben. Diesem Modell folgt das System der kapitalistischen Lohnarbeit bis heute. Es hat uns viel Wohlstand beschert. Doch gleichzeitig ist es instabil und produziert regelmäßig Krisen. Es hat den sogenannten Realsozialismus überdauert und wird weltweit praktiziert.  Bei uns arbeiten die Millionen an sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in kapitalistischen Strukturen, die durch Arbeitsgesetze gebändigt und streng reglementiert wurden.  Das ist gut, aber vom Prinzip her machen wir immer noch das, was damals schon Maloche genannt wurde,

Als Angestellte arbeiten wir eingezäunt in einem Gehege von Stellen- und Prozessbeschreibungen, zwischen Weisungsrecht des Chefs und eigener Treuepflicht als Arbeitnehmer. Zeitvertrag, Job als Geringverdiener und Hartz IV Aufstocker, Dauerpraktikant oder auf 450-Euro-Basis sind heute die Norm. Das Gespenst der Nutzlosigkeit (Richard Sennett) lauert überall, viele sind bange vor der Zukunft, der vielbeschworene “Change” wird meistens so erlebt, dass wenige Gewinner alles abräumen und viele Verlierer sich dann die  Reste zusammenklauben dürfen. Die Frage nach Sinn der Arbeit erübrigt sich, so lange das System in dieser Forme fortbesteht. Nur die Sorge um einen sicheren Arbeitsplatt mit vernünftiger Bezahlung ergibt Sinn. Es geht um die ganz reale Angst um Arbeitsplatz, denn wer keinen hat, muss von staatlichen Transferleistungen leben oder betteln gehen, und beides wird als unangenehm bis bedrohlich erlebt.

Manch ein Managementberater meint, Führungskräfte müssten imstande seien durch “transformierende Führung” ihre Leute dazu motivieren, gern in diesen Strukturen zu arbeiten. Diese Sorte Berater macht einen Haufen Schotter, indem sie Führungskräfte mit einer Art von Management-Quack versorgt, der auf mich wirkt wie ein Abklatsch der Puristen-Prediger von einst, nur daß die göttliche Weisung fehlt. Doch wie sollen eigentlich unsere hochtalentieren Führungskräfte  jemandem einen tieferen Sinn vermitteln, wenn sie selbst in einem vollkommen sinnentleerten Bulllshit-Job (David Graeber) stecken und froh sein müssen, wenn sie nicht bei der nächsten Reorganisation entlassen werden? Wenn so genannte Leader vom Sinn der eigenen Leadership nicht  überzeugt sind, werden sie anderen wohl kaum Sinn vermitteln können. Ein anderer neuer Trend heißt „purpose driven“, denn Unternehmen, die von einem höheren Zweck angetrieben scheinen irgendwie erfolgreicher zu sein als die, die vom schnöden Mammon angetriebenen. Lassen wir mal beiseite, ob das so stimmt, dann erhebt sich die Frage, wer denn bestimmt, was der „höhere Zweck“ sein soll. Und schon landen wir wieder bei irgendeinem göttlichen, letztlich aber menschengemachten Plan von oben.

Sinn kann nicht von oben verordnet werden

Keine Frage, das System von einst ist heute ziemlich kaputt und bedarf einer Grundüberholung. Aber die globalgalaktisch grundlegende Daseinsfrage, ob das Arbeitssystem, das wir heute haben, überhaupt mit der menschlichen Natur vereinbar ist ergibt für mich auch wenig Sinn. Denn sie kann zu nichts führen ausser Resignation, weil sie viel zu allgemein gestellt ist. Sollen wir etwa auf den Sankt Nimmerleinstag, das jüngste Geicht, die Apokalypse oder die globalgalaktische Weltrevolution warten? Nein: Wir leben hier und jetzt in dem System und müssen zusehen, wie wir in ihm leben. Und vielleicht können wir es etwas transformieren, indem wir bei uns selbst anfangen und nach dem Sinn fragen, denn wir selbst uns gönnen können.

Von oben und von aussen herangetragene Sinnstiftung ist der falsche Weg. Denn erstens kann man bezweifeln, dass es überhaupt möglich ist, Sinn zu verordnen. Innere  Motive sind den von außen gelenkten Impulsen stets überlegen, davon bin ich überzeugt. Zweitens: Mit gefühltem Sinn zu handeln ist ein ausgesprochen individueller Prozess, der vollkommen in das persönliche Wertesystem und die Lebenswelt eines jeden Menschen eingebettet ist. Dieses von außen bestimmen zu wollen ist nicht nur schwierig, sondern auch moralisch zweifelhaft, weil man dann sofort mit dem Verdacht der Manipulation konfrontiert ist. Und Drittens: Man braucht Arbeit, aber ohne sie mit  puritanischem oder revolutionärem Eifer zu überhöhen. Man kann sie einerseits als notwendig und andererseits auch als eine Form freien Spiels ansehen.

Reden wir zum Beispiel über einen Bereich, in dem der Sinn sich frei entfalten darf: Freizeit.  Bei einer Bank, bei der ich einst arbeiten durfte, bekamen wir einen neuen Vorstand, der seine Antrittsrede mit den Worten abschloss, eine “freizeitorientierte Schonhaltung”  werde er in seinem Bereich nicht dulden. Das war so ein Typ der alten Schule, der sich als harter Hund positionieren wollte. Nach einem halben Jahr war die Mannschaft total demotiviert und der harte Hund war nach einem Jahr wieder weg. Gearbeitet wurde trotzdem wie zuvor. Der harte Hund hatte nichts bewirkt, weder im Positiven noch im Negativen.

Warum nicht mal spielerisch mit Arbeit umgehen?

Ein Job braucht nicht sinnvoll zu sein, er war es nie. Aber an der Freizeit als Sinnquelle kann man sich auch bei der Arbeit orientieren. Englische Industriesoziologen fanden in empirischen Studien heraus, dass  Arbeit in er Regel keine Quelle der Sinnerfüllung, also wird Sinn normalerweise außerhalb der Arbeit, in der Freizeit gesucht. Sie nannten es  „instrumentelle Orientierung“ der Lohnarbeit. Jürgen Habermas prägte die Begriffe „suspensive“ und „kompensatorische Funktion“ der Freizeit womit er meinte, dass wir als Berufstätige in der Freizeit Dingen nachgehen, die uns das geben, was uns in der  Berufswelt vorenthalten bleibt: Erfolge, Freude am Tun, Sinnerfüllung, Selbstbestimmung.

Warum aber sollten wir das, was wir in der Freizeit suchen, nicht wenigstens teilweise auch im Job finden sollten, leuchtet mir nicht ein. Ich fordere parallel zu der industriellen eine “spielerische Orientierung” der Arbeit, und ich glaube daß ich damit nicht allein bin. Natürlich gibt es in jedem Job viel Routine und Leerlauf, Aber es gibt immer wieder auch Aufgaben, die aus sich heraus Freude bereiten und Sinn stiften. Der Psychologe Michail Cicscentmialjy hat das jahrelang empirisch erforscht und nennt es “Flow-Erlebnis”, wenn dieses Erleben eintritt. Es ist ein Gefühl des tiefen Gefühls von Stimmigkeit und Befriedigung, das entstehen kann, wenn sich ein Mensch bei der Arbeit und im Spiel vollkommen im Einklang mit sich selbst erlebt. Und wenn man so mit Arbeitumgeht, dann kann Arbeit durchaus als sinnvoll erlebt werden.

Für ein Arbeiten im Flow

Zwar ist Flow nicht etwas, was man im Job jeden Tag  erwarten kann. Der Flow ist Ausnahme und im Job bleibt das, was man Maloche nennt meistens die Normalität. Aber ich finde, wir können heute ruhig etwas entspannter mit Arbeit umgehen.  Bertold Brecht meinte:  Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das mag sein, aber der alte Kommunist Brecht sah das ideologisch verengt. Die Wahrheit ist doch: Menschen tauschen Geist, Muskeln und Zeit gegen Geld. Im Kapitalismus wie auch im Sozialismus. Die Sinnpredigten von Puritanern, Trainern und Beratern verfolgen letztlich nur das Ziel, das System zu stabilisieren. Und sie bewirken im Grunde nichts.

Was uns aber Mut machen kann: Wenn wir die Drohung des erfolglosen Bankvorstands, die “freizeitorientierte Schonhaltung”, als Aufforderung sehen, kreativ und erfinderisch zu sein, egal ob im Job oder daneben, dann kann Arbeit wieder einen Sinn ergeben. Die Jobs von heute müssen schon lange nicht mehr elende Fließbandtätigkeiten wie zu Marxens Zeiten sein. Gönnen wir uns doch etwas Kreativität und Erfindungsgeist und lassen uns dafür gut entlohnen! Zusammen mit dem Ziel, zu einer möglichst autotelischen Persönlichkeit zu werden, gelingt es vielleicht doch, etwas Sinn aus dem Job zu saugen und das Jobsystem Schritt für Schritt zu transformieren. Das mit dem Reichtum und mit den Besitzverhältnissen erledigen wir später auch.

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